Leipziger Universitätschor

Rezensionen

Ganz aus dem Werk gestaltet

Weihnachtsoratorium des Leipziger Universitätschores

Man kann glücklich sein über den Universitätschor und die Musiker, weil der Abend weit mehr ist als Pflichtbeitrag im Kirchenjahr. Prominentere Konkurrenz in der Thomaskirche und im Gewandhaus kontert die Universitätsmusik mit Klarheit, hochmotivierten Energien und einem ganz aus dem Werk entwickelten Gestaltungswillen. Das macht die so oft gestellte Frage nach Anteilen sakraler und weltlicher Komponenten in Bachs Weihnachtsoratorium restlos überflüssig. Die Musik ist eine ganz stark selbstredende und auch rhetorische Kraft an der „Alma Mater Lipsiensis“.
Roland H. Dippel

Leipziger Volkszeitung vom 22.12.2016

 

Timm und Unichor mit Thomanern und MDR-Orchester

Festkonzert zum 100. Todestag Max Regers

Wenige Jahre nur liegen zwischen Max Regers 100. Psalm (1908/9) für Chor und Orchester und dem A-cappella-Satz „Der Mensch lebt und besteht nur eine kleine Zeit“ aus den dem „Deutschen Psalter“ von 1914. Und doch trennen Welten den wilhelminischen Bombast des einen vom herben Gesualdo-Ton des anderen Werkes. Beide rahmen am Mittwochabend in der anständig besuchten Thomaskirche die Variationen über ein lustiges Thema Johann Adam Hillers von 1907, wo Reger nochmals andere anschlägt. Und doch sind all diese Welten in ihrer weit ausschwingenden Harmonik und dem Reichtum ihrer melodischen Erfindung sofort als Werke aus der Feder Max Regers zu erkennen. Die Programmzusammenstellung dieses Festkonzerts zum 100. Todestag des Komponisten bricht also eine Lanze für die Vielseitigkeit eines noch immer Unterschätzten. Sie zeigt allerdings auch, woher die Probleme bei der Auseinandersetzung mit seiner Musik rühren: Immer wieder schiebt sich ihr nicht zu leugnendes Zuviel in den Vordergrund.
Insofern ist das klug zusammengestellte Programm vielleicht doch falsch herum gebaut: Würde das Publikum die schlichte Kraft von „Der Mensch lebt und besteht nur eine kleine Zeit“ mit in die laue Frühlingsnacht genommen haben, hätte manch einer sein Reger-Bild gewiss noch einmal überdacht. Zumal die Thomaner unter ihrem Interims-Kantor Gotthold Schwarz sensationell singen. So rein wie der Satz tönen die Stimmen, makellos durchmessen sie in kühnen Schritten den Quintenzirkel, ebenso makellos artikulieren sie den Text. Alles im Dienste einer subtilen Wahrhaftigkeit, die in wenigen Minuten das Dasein umfängt.
Im monströsen 100. Psalm singt auch der Leipziger Universitätschor unter Universitätsmusikdirektor David Timm, Regers Amts-Urenkel, grandios. Warm, weich und kraftvoll tönt der Beginn, beinahe impressionistische Farben schillern im Mittelteil, und im kontrapunktischen Dickicht der gewaltigen Schlussfuge behalten die Choristen auch im Unterholz den Überblick, verschaffen sich bis beinahe zum Schluss Gehör gegenüber den unter Timms Leitung immer enthemmter feuernden Batterien des MDR-Orchesters – und klingen dennoch auf weiten Strecken nicht angestrengt, sondern strahlend schön. Im Mittelteil hat auch dieser Psalm Momente berührender Verinnerlichung, verstörender Modernität. Aber am Ende verfestigt das Regers eigener Steigerungsdramaturgie verpflichtete Programm eben doch das Klischee vom hemmungslos auftrumpfenden Fugen-Verfertiger.
Dabei haben auch die vergleichsweise populären Hiller-Variationen mit ihrer ebenso kunstvoll, aber filigraner gebauten Schlussfuge zuvor einen anderen Reger präsentiert. Hell lässt Timm die MDR-Sinfoniker klingen, beinahe schlank, was in Verbindung mit der nicht unproblematischen Akustik der Thomaskirche für sanfte Transparenz gut ist. Mit sinnlicher Selbstverständlichkeit holt Timm hier aus dem fabelhaften Orchester das heraus, was Reger am besten konnte: Da löst sich der Kontrapunkt auf in einem sinfonischen Gewebe, in dem Linie, Harmonie und Instrumentation in schwelgerischer Schönheit unauflöslich miteinander verschmelzen. Ein Meisterwerk, meisterlich dirigiert, meisterlich gespielt.
Peter Korfmacher

Leipziger Volkszeitung vom 12.05.2016

 

Entspannte Sinnlichkeit der Universitätsmusik

Weihnachtsoratorium IV-VI in der Peterskirche

Ruhig geht Universitätsmusikdirektor David Timm den Eingangschor zur vierten Kantate des Weihnachtsoratoriums an: „Fallt mit Danken, fallt mit Loben“. Im gemessenen Herzschlag bejubelt sein Unichor das neue Jahr. Die hier als „Pauliner Barockensemble“ firmierende mitteldeutsche Cappella telefonica darmsaitensis tänzelt in feierlicher Gelassenheit. Souverän und sinnlich – auch in den Naturhörnern. Und diese Musizierhaltung prägt am Dienstagabend auch den Rest des traditionellen Weihnachtskonzerts der Leipziger Universitätsmusik in der voll besetzten Peterskirche.
Mächtig hallt er nach, dieser Raum. Was ein Grund sein mag für Timms entspannte Tempowahl. Im Ergebnis tut diese Abkehr von den Exzessen der Vorgängergeneration, die bisweilen Hurtigkeit mit historischer Informiertheit verwechselte, den Kantaten vier bis sechs gut. Denn so blüht in den großen Chören wie in den Chorälen satt der Schönklang auf. Der Ex-Thomaner Timm kennt jede Note, jeden Buchstaben der Partitur. Und diese tiefe Kenntnis überträgt er mit zurückhaltend forderndem Schlag auf seine Musiker. Im Chor wie im Orchester. Das prunkt mit überwiegend fabelhaften Solisten und warmer Kraft, leidet aber daran, dass das Orgel-Continuo hin und wieder den optischen und/oder akustischen Kontakt zum Rest verliert, für diese Akustik zu viele Töne bemüht, was gerade in den einschlägigen Arien („Erleucht auch“) zu konturlosem Mulm führt.
Kaum Einwände an der Solistenfront: Anastasiya Peretyahinas schöner Sopran neigt in den Koloraturen zum Buchstabieren und in der Höhe zur Spitzigkeit, bleibt Bach aber sonst nichts schuldig. Bassist Gun-Wook Lee ist auf den letzte Drücker für den unpässlichen Interims-Thomaskantor Gotthold Schwarz eingesprungen, fügt sich aber mit seiner schlanken, naturbelassenen, sauber geführten Stimme bestens ein. Was auch für den unprätentiösen und beweglichen Tenor Florian Sievers gilt. Ihnen allen wäre indes ein wenig mehr von der unbedingten Überzeugungskraft der exzellenten Susanne Krumbiegel zu wünschen, die jede Silbe in höchster Eindringlichkeit ins Auditorium predigt – ohne dabei mit ihrem erdig satten Alt die Schönheit von Bachs Musik auf dem Altar des Wortes zu opfern.
Ausführlicher Applaus. Und am Ausgang wird gesammelt für die Musikschule Leipzig, damit die möglichst vielen Flüchtlingskindern eine musikalische Ausbildung ermöglichen kann. Ein schönes Zeichen doppelter Solidarität.
Peter Korfmacher

Leipziger Volkszeitung vom 17.12.2015

 

Die glanzvolle Pracht der Pleiße

Leipziger Huldigungsmusiken von Bach in der Peterskirche

Die Glückwunschkantate "Tönet, ihr Pauken! Erschallet, Trompeten!", 1733 entstanden zum 34. Geburtstag der Kurfürstin Maria, stellt für eine triumphierende Arie der Fama, Göttin des Ruhmes, die Trompete in den Mittelpunkt. Das gewaltige und donnernde Werk, das vier Allegorien der antiken Mythologie in den Dienst des Herrscherpreises stellt, mochte Bach so sehr, dass er später die lobenden Arien von Pallas, Göttin der Wissenschaften und der Musen, und von Fama in sein Weihnachtsoratorium übernahm. Am Samstagabend sorgte das stolz auftrumpfende Werk in der Peterskirche für große Begeisterung.
Zwei weitere Kantaten standen im Programm des Bachfest-Konzerts, in denen jeweils vier Allegorien in einer ähnlichen Konstruktion von Rezitativen und Arien zur Ehrerbietung aufrufen. Aufwendige Huldigungsmusiken, die die Peterskirche rund zwei Stunden lang mit einer Art fröhlicher Musikparade des Barock füllten.
"Schleicht, spielende Wellen, und murmelt gelinde" lässt Weichsel, Elbe, Donau und Pleiße in einem wiegenden Gesang belebter Ströme erklingen. In diesem Lobpreis des Kurfürsten August III. mischte sich Bach mit der Frage, ob die Donau zu dem Kreis sächsisch-polnischer Flüsse gehöre, sogar in die Politik ein. Besonders bemerkenswert ist die Besetzung mit drei Traversflöten für die Sopran-Arie. Derlei traute sich seinerzeit sonst nur Vivaldi. Bei Bach unterstreicht die Üppigkeit die glanzvolle Pracht der Pleiße.
Statt des erkrankten Martin Petzold singt Tobias Hunger mit seinem zarten und sensiblen Tenor im Duett mit der ersten Violine, wobei sich beide ständig das musikalische Material in höchster kontrapunktischer Finesse zuspielen. Und wer nahe an der Bühne sitzt, kann neben seiner energischen Interpretation auch das ausdrucksvolle Mienenspiel des Bassisten Wolf Matthias Friedrichs genießen.
Nicht nur für die Mächtigen komponierte Bach weltliche Kantaten, sondern auch für seine Freunde, etwa für die Antrittsvorlesung des beliebten Juraprofessoren Gottlieb Kortten. Die Feierlichkeit des Anlasses hinderte Bach nicht, in die ruhigere Kantate dynamische Kontraste und kräftige Synkopen einzufügen.
Mit dem tänzerischen Schlusschor dieser Kantate beendet jubelnd der Leipziger Universitätschor den Abend. Unter der energischen und so inspirierten wie inspirierenden Leitung von Universitätsmusikdirektor David Timm entwickeln die subtilsten Details musikantischen Mehrwert - eine Ode an der Spielfreude.
Juliette Gramaglia

Leipziger Volkszeitung vom 22. Juni 2015

 

Lebendig, virtuos und verinnerlicht

David Timm dirigiert Bachs Johannespassion in der Peterskirche

(...) Besonders packend gelingt das Recitativo 18a im zweiten Teil mit Vieweg als Pilatus und dem Evangelisten Sievers. Da ist die Dramatik im Bachs Passionsmusik schon in Fahrt gekommen mit den Volkschören und dem Leipziger Universitätschor, der mit ausgewogenen Stimmgruppen so wunderbar präzise artikuliert, den Aufruhr vehement in Szene setzt und die Choräle dagegen weich und rund leuchten lässt, während Timms achtsames Dirigat Tempi anschlägt, die der heiklen Akustik in der Peterskirche gut tun. Ihrer Soliquenten-Parts als Magd, Diener und Petrus entledigen sich die Choristen ebenfalls mit Bravour. (...)
Nach dem letzten Ton des Schlusschorals hallt die Andacht der vergangenen knapp zwei Stunden in der lang anhaltenden Stille wider. Dann allerdings wird doch applaudiert in der voll besetzten Kirche, und zwar reichlich.
Birgit Hendrich

Leipziger Volkszeitung vom 31.03.2015

 

Wagner verstehen

Festkonzert zum 201. Geburtstag Richard Wagners

War es im vergangenen Jahr schwierig, noch Luft zu finden zwischen Wagner-Torten, Festakten, Kunst und Kitsch, ist es zum 201. Geburtstag verdammt ruhig geworden um Leipzigs großen Richard. Doch Universitätsmusikdirektor David Timm und die Richard Wagner Gesellschaft 2013 begehen auch den unrunde Geburtstag traditionsgemäß mit einem Festkonzert, am Donnerstagabend in der evangelisch-reformierten Kirche.
"Tannhäuser" steht im Mittelpunkt des Abends - Ouvertüre und dritter Akt der 1845 entstandenen Urfassung. Die einen Kontrast erfahren durch Wagners "Faust"-Ouvertüre und jene zu "Ruy Blas" aus der Feder Felix Mendelssohn Bartholdys. Sensibel macht Timm mit dem Mendelssohnorchester Parallelen und Gegensätze zwischen den nahezu zeitgleich entstandenen Werken deutlich. Doch Zauberei betreibt der Dirigent mit dem dritten Tannhäuser-Akt. Satt und ausgewogen klingt das Orchester. Brillantes Blech. Überragende Streicher. Kraftvoll brausen die Klangwogen durch den eher intimen Raum.
Die Choraufstellung - die Männer vorn auf der Empore, die Frauen hinten im Hauptschiff - bewirkt eine Art Surround-Sound. So werden Leipziger Universitätschor und Männerchor Leipzig-Nord in diesem Akt zur Entdeckung. Das ginge auf der Opernbühne eben nicht.
Und David Timm präsentiert drei Solisten, die mit herausragenden Interpretationen eine Marke in der Wagnerstadt setzen. Uwe Schenker-Primus vom Deutschen Nationaltheater Weimar gestaltet den Wolfram vielschichtig und souverän, so stimmgewaltig wie sensibel. Albrecht Kludszuweit ist einer jener Wagnertenöre, die mit fast metallischer Höhe punkten, mit klarer Linie und Stimmkultur. Die Stimmbeherrschung der dramatischen Sopranistin Sabine Paßow als Elisabeth zeigt, wie schlank man eine riesige und von der Natur eher mit großem Vibrato gesegnete Stimme führen kann.
Dass dies obendrein zum Festival der Textverständlichkeit gerät, ist in schönes Geschenk für den Vater des Musikdramas zu dessen 201.
Tatjana Böhme-Mehner

Leipziger Volkszeitung vom 24.5.2014


J. S. Bach: Matthäuspassion

(...) eindrückliche(n) Gestaltung, fein nuancierte(r) Dynamik und hervorragende(r) Artikulation (...) Gelang schon der Eingangschor in demutsvoller, vielschichtiger Klage, so fesseln die Chöre in ihrer dramatischen Dichte, berühren die innigen Choräle.
Nach dem Schlusston hält die andachtsvolle Stille im Publikum lange an - aber nicht ewig: Begeisterter Applaus erfüllt Kirchenschiff und Emporen.
Birgit Hendrich

Leipziger Volkszeitung vom 17.4.2014

 

„Götterdämmerung“ im Audimax

(...) Das Orchester spielt hinter der Bühne, unter dem Sichtfeld, eine kaum meterhohe Wand trennt auch die Akustik. Ganz hinten an der Rückwand und fürs Publikum sichtbar steht Dirigent David Timm.
Ihn im Sichtfeld zu haben, mit überaus geordneter Schlagtechnik und Text im Mund, hat den Reiz, das auch Töne für den Hörer vorbereitet werden.
Zum dritten Aufzug strömt der 50-Personen-Chor über die Hörsaaltreppen zur Bühne mit großen Party-Luftballons, rechnerisch richtig steht die Zahl „2013“ in der Luft. Dann muss schon mal ein Siegfried-Darsteller quasi aus dem Publikum geholt werden. Und man erkennt in den Rheintöchtern unschwer die Damen Nike Wagner, Eva Wagner-Pasquier und Katharina Wagner. Vorab warf das Inszenierungsteam die Frage zum Jahr 2013 auf: „Welcher Hagen erschlägt welchen Siegfried – im übertragenen und plakativen Sinne?“
David Timm brilliert mit dem Mendelssohn-Orchester und dem Universitätschor, der Raumklang im Gipskarton-Ambiente voller Lichtfarbenzauber aus rund 100 Scheinwerfern fasziniert, die Solisten - allesamt Profis - beweisen klangvoll Strahlkraft. Es ist ein vergleichbar kleines Team mit jeweils mehreren Partien.
Es sollte 2013 in Leipzig unbedingt einen „Ring des Nibelungen“ geben, war schon vor Jahren das erklärte Ziel von David Timm und seinen Vereinsmitstreitern, als in der Oper Leipzig Leitung und Konzeptionen wechselten, ohne Richard Wagner zu bedenken. David Timm war einst auch Stipendiat der Bayreuther Festspiele und des Richard-Wagner-Verbandes, und damit Besucher mehrerer Vorstellungen im Festspielhaus. Im Bundesverwaltungsgerichtsgebäude ließ er mit dem „Holländer“ aufhorchen, mit anderen Wagner-Werken im „Westwerk“. Längst ist David Timm Universitätsmusikdirektor und wurde im Feuilleton schon nach Genie-Maßstab Felix Mendelssohn Bartholdy nachgeordnet. „Bayreuth soll Bayreuth bleiben“, hat David Timm mal gewünscht“, „und Leipzig muss Leipzig werden!“
Karsten Pietsch

Leipziger Internetzeitung, 21.5.2013

 

Doppelter Abschied von der Musik

David Timm dirigiert Werke von Duruflé und Strauss in der voll besetzten Peterskirche

Duruflés Requiem und Strauss' Vier letzte Lieder standen am Totensonntag in der Peterskirche auf dem Programm des beeindruckenden Konzerts der Leipziger Universitätsmusik mit Unichor, Mendelssohnorchester und Solisten unter der Leitung von Universitätsmusikdirektor David Timm.
(...) Die modalen Linien, den geschmeidigen Fluss der Gregorianik vereint Duruflé mit den Farben und Reflexen der Impressionisten zu einer unwirklichen Schönheit, die sich fügt ins Unausweichliche, mit nur wenigen trotzigen Ausbrüchen da weitermacht, wo Fauré 1887 aufhörte. Transparent ist diese Musik, obwohl sie die dunklen, die fahlen Farben auch in der Orchesterversion bevorzugt. Und auf diese Transparenz richtet David Timm in der gut gefüllten Peterskirche den Fokus.
Zärtlich lässt er die Bögen im Chor, die Figurationen im Orchester sich umschlingen, das auf den ersten Blick recht komplex gestrickte Metrum selbst sich auflösen in selbstverständlichem Fluss. Timm setzt ganz auf die jugendliche Offenheit seines Universitätschors. Die Soprane klingen beinahe so weiß wie ein Knabenchor, künden schon in den Vokalisen des Introït von einer besseren Welt, als der unseren. Nichts Oberflächliches haftet so diesem heikel koloristischen "â" an, nichts Effektheischendes, gar Kitschiges. Hier fährt die Musik fort, wo Sprache versagt. Wunderbar. Diese Schönheit spiegelt sich wider im sanft entrückten "In Paradisum", und dazwischen findet der Chor, der weit hinauswächst über das Niveau eines Laienensembles, immer neue Pastelltöne. Dem steht das Mendelssohnorchester kaum nach. Mehr jedenfalls ist von einer Capella telefonica nicht zu erhoffen.
Im Domine Jesu Christe bittet der eingesprungene Felix Plock mit natürlicher Autorität darum, die Seelen der Abgeschiedenen von den Strafen der Hölle zu befreien. Im "Pie Jesu" fleht Carolin Masur um ewige Ruhe. Als gewaltige dynamische Bogenform legt die Mezzosopranistin diesen traumschönen Satz an, aus dem Nichts kommend, ins Nichts zurückkehrend und dazwischen in einem einzigen Bogen alle Möglichkeiten ihrer grandios geraden, satt leuchtenden Stimme ausschöpfend. All das raubt dem Publikum den Atem. Und dass sich zunächst niemand zu klatschen getraut, geht als großes Kompliment durch.
Peter Korfmacher

Leipziger Volkszeitung, 27.11.2012

 

Leidensgeschichte mit Heldenmut

David Timm, Universitätschor und Pauliner Barockensemble mit Bachs Johannes-Passion in der Peterskirche

Natürlich ist die Peterskirche am Dienstagabend proppenvoll wie immer bei einem Konzert mit dem Leipziger Universitätschor unter der Leitung von Universitätsmusikdirektor David Timm. Natürlich entlädt sich nicht enden wollender, begeisterter Schlussapplaus, natürlich gab es zuvor ein beeindruckendes Konzert. Also alles wie immer? Ja, natürlich, und doch ist diese Aufführung von Johann Sebastian Bachs Johannes-Passion BWV 245 einzigartig und einmalig schön.
Bach liefert in seiner zweistündigen Musik zur Leidensgeschichte Jesu nach Johannes die Vorlage für einen Gottessohn mit allem Heldenmut im Wissen um die Weissagungen. So stattet Tobias Berndt seine Christus-Partie
mit einem machtvollen und dabei immer warmen Bass aus, so dass man Jesus den Platz zur Rechten Gottes schon allein deswegen zugestehen möchte. Bassist Friedemann Klos dagegen beeindruckt mit sanfter und geschmeidiger Stimme in den Arien.
Martin Petzold ist wieder einmal erste Wahl für die Besetzung des Evangelistenparts. Denn sein weicher Tenor weiß mit runden Höhen und angelegentlicher Dringlichkeit das Geschehen zu erzählen, zu deklamieren, zu illustrieren. Die Arie „Erwäge, wie sein blutgefärbter Rücken“ gerät im wundervollen Zusammenspiel mit den beiden Violen d’amore zum beseelenden Moment.
Zu solch beseelenden Momenten werden auch die Arien der Altistin Klaudia Zeiner und der Sopranistin Anastasiya Peretyahina. Während Zeiner mit warmem, dunkel gefärbtem Timbre in der Arie „Es ist vollbracht“ mit der Viola da gamba anrührend auf einer Linie schwebt und mit ihrem Pianissimo die Stille zum Klingen bringt, ist es Peretyahinas strahlend schöner Sopran, der Inbrunst mit Leichtigkeit verbindet und sich mit den zarten Traversflöten zur Vollendung vereint.
Dabei ist das Pauliner Barockensemble noch mehr als ebenbürtiger Arien-Partner: Unter Timms Schlag, der die schwierige Akustik der Peterskirche wohltuend auslotet, musiziert das Orchester
beseelt, fein und nuanciert.
So gibt es schließlich für sie alle reichlich Beifall. Den meisten Applaus heimst aber wohlverdient der Unichor ein: Beeindruckend haben die Choristen den Eingangs- und Schlusschor gestaltet, vehementen Aufruhr in den Volksszenen mit ausgezeichneter Artikulation ebenso angezettelt wie ehrfurchtsvolle Ergriffenheit in den dynamisch ausgefeilten Chorälen erschaffen.
Birgit Hendrich

Leipziger Volkszeitung vom 5.4.2012

 

Universitäts-Musiktage

h-Moll-Messe in der Thomaskirche

Das Werk zählt zu den Ausnahmewerken der Musikgeschichte, zu jenen Stücken, die die handwerklich-stilistischen Grenzen ihrer Zeit und den Rahmen ihrer Gattung nicht nur ausreizen, sondern sprengen. Inzwischen gehört Johann Sebastian Bachs h-Moll-Messe zwar zu den meistgespielten Werken des Genres überhaupt. Doch man kann sie gar nicht oft genug hören. Auch in Leipzig dürfte man ansässiges wie zugereistes Publikum mit ein paar Aufführungen mehr pro Saison nicht unglücklich machen. Noch dazu in Bachs Thomaskirche.
Umso größer ist das Glück, wenn man dieses Werk in einer so faszinierenden plastischen Interpretation zu hören bekommt wie am Sonntagabend zur Eröffnung der Leipziger Universitätsmusiktage an diesem in vielerlei Hinsicht geheiligten Ort, und zwar durch den Leipziger Universitätschor und das Pauliner Barockensemble.
Universitätsmusikdirektor David Timm steht am Pult und erweist sich erneut als ein Klangplastiker, der genau weiß, was man aus Kontrapunkt alles machen kann. So entwickelt die Messe einzigartige Form und eine überzeugende Dramaturgie. Mit sensibler Dynamik geht Timm beim Tempo an die Grenzen des spieltechnisch Möglichen. Das ist fast immer großartig, nur beim "Laudamus te" bringt es die ansonsten überzeugenden historischen Aufführungspraktiker hörbar in Schwierigkeiten.
Jenseits dessen verwöhnt das ausgewogene Klangbild den Hörer. Timm formt den Raum und spielt geschickt mit den komplexen Strukturen, gestaltet Vorder- und Hintergrund, verfolgt Linien und zeigt, was dieses Werk zum Ausnahmewerk macht, jene Analogie zum anderen Ausnahmewerk, zur "Kunst der Fuge". Was ein Meisterwerk des Kontrapunktes ist, wird bei dieser Klarheit und Unmittelbarkeit selbst für den musikalischen Laien ganz unmittelbar nachvollziehbar. Timm zaubert Übergänge - so jenen vom "Crucifixus" zum "Et resurrexit". Hier beginnt musikalische Rhetorik tatsächlich zu reden.
Und der Uni-Chor klingt längst nicht mehr wie ein Laienchor: So homogen, beherrscht und rund im Klang wie diese jungen Stimmen berühren, wünscht man sich das Musikerlebnis.
Hinzu kommt ein alles in allem souveränes Solistenquartett. Gesine Adler überragt mit schönem weichen Ton und klarer Linie. Martin Petzold präsentiert erwartungsgemäß überzeugenden Bachgesang. Wolf Matthias Friedrich gibt eine kraftvolle Basspartie. Carolin Masur fügt sich geschickt in Ensemble und Klangbild. Dass derlei Jubel auslöst, ist nicht weiter verwunderlich. Eine passendere Universitätsmusik kann eine Musikstadt nicht haben.
Tatjana Böhme-Mehner
LVZ vom 22.11.2011

 

"Jazzmesse"

Vom Choral zum Samba

Was geht im Kopf eines Musikers vor, der den Jazz ebenso liebt wie die Kirchenmusik? Die beiden unterschiedlichen Klangwelten vermischen sich in der Phantasie in immer neuer Weise. Da kann ein bachsches Fugenthema schon einmal Grundlage für Improvisation oder die Form der Fuge auf samtige neotonale Harmonien gebettet werden.
David Timm ist so ein Musiker. Er belässt es aber nicht bei Tagträumen, sondern schreibt die Melange kurzerhand auf und teilt sie mit dem Publikum. So am Wochenende im Rahmen eines Konzerts mit dem Landesjugendorchester Sachsen und dem Leipziger Universitätschor, ergänzt um eine Combo vokaler und instrumentaler Jazzer. Auf dem Programm: fast ausschließlich Werke von Timm.
Vor der Pause führen Bach-Bearbeitungen des Universitätsmusikdirektors in diesen so charakteristischen Sound ein. Timms Phantasie entzündet sich meist an einzelnen Motiven und Themen, die die Basis für weitgehend eigenständig verlaufende Musik werden. Das ist ein ganz anderer Modus der Bach-Bearbeitung als der eines Jacques Loussier, der meist den Werkablauf unangetastet lässt und lediglich in Instrumentation und Rhythmik eingreift. Bestes Beispiel ist Timms Kommentar zur Motette "Komm, Jesu, komm", der aus nur wenigen Bach-Tönen sphärische Farben destilliert.
Da ist es keine Doppelung, auch das Original mit aufs Programm zu stellen, zumal der Universitätschor die Motette berückend schön singt. In diesem einzigen a-cappella-Stück seziert er die Polyphonie und liefert über weite Strecken eine Qualität, die auch einem Profichor nicht schlecht zu Gesichte stünde. Ein Befund, der sich mühelos auf das Landesjugendorchester übertragen lässt, das durch präzise Rhythmik und außerordentliche Verlässlichkeit (Blech!) besticht. Die Gesangssolisten Tanja Pannier und Matthias Knoche steuern sensibel Scats und Vokalisen bei. Schön auch die Instrumentalsoli von Reiko Brockelt (Saxophon) & Co.
Als Finale liefert das hervorragende Ensemble die Uraufführung der "Jazzmesse". Auch diese ist geprägt von Timms originell eklektischer Ästhetik. Effektbewusst verknüpft sie Musik vom gregorianischen Choral über die Fuge bis hin zum Samba - unter weitgehender Aussparung der E-Musik unserer Zeit. Mit großem Pinsel gemalt ist der Orchestersatz, vielgestaltig klingen die Chorpartien, und auch für Soli der Jazzer ist Raum. Das Erstaunliche: Es zerfällt an keiner Stelle in seine Einzelteile. Ja, ist es nicht sogar beste Tradition der Gattung Messe, verschiedene Techniken und Stile in den einzelnen Sätzen anzuwenden? Fakt ist, dass das neue Stück gehörig zu überraschen weiß. Eindeutig ist die Publikumsreaktion: Spaß macht es auch.
Benedikt Leßmann
LVZ vom 24.10.2011

 

Passion nach Matthäus unter Timm

Leipzig und Bach, Bach und Leipzig - diese für uns fast selbstverständliche Symbiose bestätigt sich immer wieder, mit jedem Bachfest, mit Aufführungen seiner großen Werke, mit den Motetten der Thomaner. Dass das nicht immer so war, kann auch die Aufführungsgeschichte der Matthäus-Passion belegen. Längere Zeit nach Bachs Tod galt sie praktisch als verschollen, ehe Mendelssohn 1829 in Berlin die erste Wiederaufführung des Werkes leitete und dieses 1841 auch in Leipzig vorstellte. Und in Mendelssohns Fassung lebte sie bis weit ins 19. Jahrhundert im Bewusstsein der Musikwelt. Zum großen Ausnahmewerke der Chorliteratur hat sie eigentlich erst das vorige Jahrhundert gemacht.
Eine Aufführung heute stellt noch immer eine große Herausforderung dar, auf Grund der Größe der Besetzung und des hohen geistigen und musikalischen Anspruchs. Dass sich der Leipziger Universitätschor und sein Leiter Universitätsmusikdirektor David Timm den Ansprüchen erfolg reich stellen können, hat die Aufführung am Dienstagabend in der Peterskirche eindrucksvoll bewiesen. Mit dem Pauliner Barockensemble und einer ausgezeichneten Solistenbesetzung bieten sie eine rundum gelungene künstlerische Leistung.
Die "Matthäus-Passion", die die Geschichte vom Verrat und Tod Jesu bis zu seiner Grablegung erzählt, lebt von der unmittelbaren Wucht des Wortes ebenso wie von kontemplativer Nachdenklichkeit, vom Trauergestus wie von hoffnungsvollen Momenten. Allen diesen Seiten vermag Timm den ihnen gemäßen Ausdruck zu schaffen - angefangen beim recht breit angelegten Eingangschor bis hin zu den dramatisch zugespitzten Choreinwürfen speziell im zweiten Teil. Bemerkenswert auch die differenzierte Gestaltung der Choräle. Der bestens präparierte Universitätschor ist der Hauptakteur des Abends.
Hohen Anteil an dem Gesamteindruck hat Tobias Hunger als Evangelist und Sänger der Tenor-Arien. Seine helle und gut geführte Stimme b ietet beste Bedingungen für das Verständnis der Handlung. An seiner Seite können Gesine Adler mit ihrem klaren Sopran und Britta Schwarz mit ihrem warmen voluminösen Alt überzeugen. Die Bass-Partie des Christus gestaltet Thomas Oertel-Gormanns eindrucksvoll wie auch Felix Plock die Bass-Arien. Traditionsgemäß haben Chormitglieder die weiteren Partien der an der Handlung Beteiligten übernommen. Das Pauliner Barockensemble ist wie immer ein souveräner Begleiter und kann mit verschiedenen Soloinstrumenten überzeugen.
Der länger anhaltende Beifall am Schluss ist der Dank für eine insgesamt beeindruckende künstlerische Leistung der Leipziger Universitätsmusik. Sie hat ganz sicher dazu beigetragen, dass der Aufruf eines japanischen Chormitgliedes nach Spenden für das durch ungeheure Katastrophen betroffene Japan offenbar nicht ungehört geblieben ist.
Klaus Mehner

LVZ vom 21.4.2011

 

Musik, die Erde und Himmel verbindet

Weihnachtsoratorium

Wann immer die ersten drei Kantaten von Bachs Weihnachtsoratorium aufgeführt werden, haben sie das Zeug, der Ruhepunkt, wenn nicht das Herzstück zu werden: die Sinfonia, das instrumentale Einleitungsstück der zweiten Kantate. Eine Pastorale, die in idyllischen Farben auf eine Kantate vorbereitet, in der zuerst die Begegnung der Hirten mit den Engeln im Mittelpunkt steht. Nicht ohne Grund greift Bach diese Musik, die Erde und Himmel verbindet, im Schlusschoral wieder auf.
Am Dienstagabend, im Konzert des Leipziger Universitätschores, gelingt die Sinfonia als solcher besonderer Moment. Und steht dabei auch exemplarisch für eine Musizierhaltung, die David Timm mit dem Pauliner Barockensemble pflegt. Timm belebt den Klang, bringt ihn zum Sprechen, fordert mit flexiblem Schlag hier Agilität im Detail, dort Denken in großen Zusammenhängen. Das Orchester liefert dazu herrlich erdige Farben und rhythmische Verve. Dass man an historische Instrumente nicht dieselben Ansprüche an Perfektion stellen darf wie an moderne, ist klar. Das ist der Preis für ein Klangbild, das womöglich authentischer, vor allem aber - und das ist das Entscheidende - wunderschön ist.
Gestalterisch verfahren Timm und die Musiker nach dem Motto: Weniger ist mehr, und das ist bei Bach sicher nicht verkehrt. Frei von jedem Manierismus beseelt Musik zu machen, so heißt das Ziel. Dabei spielt auch das Solistenensemble fabelhaft mit. Achim Kleinlein legt die Evangelistenpartien subtil und innig an und gestaltet auch die Arie "Frohe Hirten, eilt, ach eilet" mehr von innen heraus, nicht als Virtuosenstück. Susanne Krumbiegel musiziert die herrlichen Alt-Arien mit viel Einfühlung aus. Anastasiya Peretyahina und Wieland Lemke runden mit dem Duett "Herr, dein Mitleid" sowie den Rezitativen den positiven Eindruck ab. Intensiv kammermusikalisch spielen in den Arien auch die Instrumentalsolisten - Momente wunderbaren Dialogs.
Und dann wäre da noch der Leipziger Universitätschor, der bei den hiesigen Laienchören in der allerersten Reihe mitsingt. Trotz seiner Größe reagiert das Ensemble ungemein flexibel und bleibt stets durchsichtig. Damit fügt es sich perfekt in Timms Interpretationsansatz ein, der auf Musizieren der Struktur setzt. Ein Ansatz, der in der Akustik der Peterskirche durchaus ein Wagnis darstellt. Lediglich die manchmal etwas scharfen Konsonanten irritieren ein wenig. Wunderbar schlicht und doch intensiv singt der Chor die Choräle, kraftvoll die festlichen Chöre. Ein höchst musikantisches "WO" also, Routine im allerbesten Sinne des Wortes. Jetzt kann es Weihnachten werden.
Benedikt Leßmann

LVZ vom 16.12.2010

 

Beseelte Romantik

Leipziger Universitätschor mit Werken von Bach und Brahms in der Nikolaikirche

Mit Werken von Bach, Schumann und Brahms, hat am Mittwochabend die Leipziger Universitätsmusik in der bestens besuchten Nikolaikirche ihren konzertanten Hauptbeitrag zum Bachfest geleistet.

Besser ist die dramaturgische Qualität des diesjährigen Bachfestes kaum zum Klingen zu bringen als mit Brahms' grandioser Motette "Warum ist das Licht gegeben den Mühseligen", in Wien geschrieben während der Jahre der Reife, umgeben von der zweiten Sinfonie und dem Violinkonzert. Hier wird sie greif- und hörbar, die Beschäftigung des Romantikers mit den Techniken der Alten: Nach Bach modellierte Brahms dieses großformatige a-cappella-Werk, und an ihm vorbeischauend bediente er sich überdies der Satztechniken der noch Älteren, der Niederländer etwa, oder Schützens. Aber nirgends ist diesem herrlichen Chorwerk ein Zopf angewachsen. Denn Brahms pumpt so viel Chromatik zwischen die Linien, so viel Ausdruck - kurzum: so viel Romantik, dass in keinem Moment seine Urheberschaft in Frage steht.
Universitätsmusikdirektor David Timm unterfüttert dies mit seinem kraftvoll beseelten Ansatz: Eng am Text entlang, der aus der Klage Hiobs Hoffnung und Zuversicht entwickelt, gestaltet er die zwischen Vier- und Sechsstimmigkeit oszillierenden Sätze. Von den verzweifelten "Warum"-Rufen des Beginns bis zum schlichten Schlusschoral, dessen Zeilen "Wie Gott mir verheißen hat, der Tod ist mir Schlaf geworden", der Welt so weit entrückt sind, dass die Last all ihrer Unbilden die Seele nicht mehr beschweren.
Warm, voll und homogen klingt hier der Leipziger Universitätschor, der seine schiere und in diesem Fall uneingeschränkt angemessene Größe durch ausgefeilte Choreographien beim Auf- und Abtreten mehrfach kunstvoll dramatisiert. Feinnervig reagieren die Sängerinnen und Sänger auf Timms suggestive Zeichengebung. Die Artikulation ist tadellos, jedoch nie Selbstzweck. Die dynamische Feinarbeit lässt keine Wünsche offen. Ein erfreulich leistungsfähiger Akademiker-, also Laien-Chor und zweifelsohne auf (Werktags-)Festival-Niveau unterwegs.
Peter Korfmacher

LVZ vom 18.6.2010

 

Antonín Dvorák: Stabat mater

(...) Was legt Timm nun in diese anderthalb Stunden Musik? Im Grundsatz folgt er natürlich dem von Dvorák vorgegebenen "Per aspera ad astra"-Prinzip, will heißen: Die Klage Mariens um ihren am Kreuz hängenden Sohn wandelt sich schrittweise in eine Art Heilsgewißheit (...). Timm, ausladend, aber ruhig dirigierend, nimmt den ersten Satz also in recht schleppendem Tempo, legt allerdings eine recht ausgeprägte Volumendynamik hinein (soll heißen: die kurzen Powerschübe haben nicht nur Alibifunktion), erzeugt bisweilen immense Spannung (meisterlich: der Part vor dem ersten Choreinsatz) und zeichnet sich auch durch gelungenes Tempomanagement aus (wiederum meisterlich: die aus dem Handgelenk geschüttelte Tempoattacke vor der "Stabat"-Wiederholung). Und selbst wenn man wie in der Mitte des zweiten Satzes mal kurz das Gefühl hat, ins Miteinander zwischen Chor und Orchester käme ein Tick Unordnung, hat der Dirigent die Lage schnell wieder im Griff. Donnernd läßt er den Chor im dritten Satz das Wort "fac" singen, das immer dann kommt, wenn die Musik ein wenig zu sehr im spätromantischen Sumpf zu versinken droht. Die "Sancta mater"-Passage im vierten Satz wiederum stellt unter Beweis, daß der weibliche Teil des Chores die Tugend des ätherisch-schwerelosen Singens, die man schon 2009 in Mendelssohns "Paulus" bemerkt und geliebt hatte, nach wie vor meisterlich beherrscht. Temposeitig etwas nach oben geht erst der fünfte Satz, wie die beiden nachfolgenden in der Zweitfassung des Werkes hinzugefügt. Geradezu aberwitzig mutet die Dynamik vor "Poenas" an, die Wiederholung des Textes hält gar groovige Rhythmen bereit, und auch die zahlreich geforderten Tempo- und Stimmungswechsel der Folgesätze stellen Dirigent und Musiker vor keine prinzipiellen Probleme. (...) Timm schafft es, die Spannung nach dem Schluss extrem lange stehenzulassen, bevor das Publikum in der vollbesetzten Kirche in langanhaltenden Applaus ausbricht. (...) So rundet sich das Bild zu einer insgesamt starken Aufführung eines eher selten auf den Spielplänen zu findenden Werkes.
Roland Ludwig, crossover-agm.de

 

Warm in der Empfindung

Stabat Mater in der Peterskirche

"Stabat mater dolorosa" - "Christi Mutter stand mit Schmerzen": So beginnt ein mittelalterliches Gedicht, das die Trauer Marias, der Mutter Jesu, beim Anblick ihres sterbenden Sohnes reflektiert.
Am Dienstagabend der Karwoche nahmen sich in der voll besetzten Peterskirche der Leipziger Universitätschor, das Mendelssohnorchester Leipzig und Solisten unter Leitung von Universitätsmusikdirektor David Timm dieses Passionstextes der etwas anderen, aber durchaus passenden Art in der Vertonung von Antonín Dvořák an. Wie unschuldige Kinder klingen die Frauenstimmen im Eingangschor, erzählen mehr als sie deklamieren. Und wenn die Streicher später verklärt zupfen wie eine einzige Wunderharfe, sich der Orchesterklang an die Chorstimmen schmiegt, dann wird dieses berührende, weil trauernde und doch immer wieder zur Hoffnung aufschwingende Werk Dvořáks vor allem eins: ganz rund und ausgewogen. Rund im Klang, in der Gestaltung, rund und warm in der Empfindung. Hier gibt es keine Kanten und Ecken.
Weil Timm mit gelegentlichen und doch leichten Gesten immer wieder am stufenlosen Regler nachjustiert, der Unichor so fein nuanciert, artikuliert, dynamisiert. Dann klingen die Frauen im Largo erwachsen, werden Bögen bei den Vokalisten wie Instrumentalisten behutsam geschwungen, ist ein Forte energisch zwar und doch elastisch.
Wenn Fritz Feilhaber (Tenor) die anfängliche ängstliche Festigkeit ablegt, dann wird auch er rund mit einfühlsamer Gesatltung und verhilft dem Duett im Larghetto gemeinsam mit Svetlana Katchour (Sopran) zu anrührender Innigkeit. Dann beweist auch Chrisian Palms, wie gut sein geschmeidiger Bass in dem Solistenquartett harmoniert, berührt Anna Haases Alt mit schöner Färbung und strahlend-leichter Klarheit in den Höhen.
Birgit Hendrich

LVZ vom 1.4.2010

 

Das Leben ist eine Baustelle

Fesselnde Uraufführung einer Festmusik von Bernd Franke mit dem Leipziger Universitätschor im halbfertigen Paulinum

(...) Das Leipziger Mendelssohnorchester meisterte den an solistischen und exponierten Stellen reichen Orchesterpart souverän und agierte im Interesse eines wirkungsvollen Chorgesangs zugleich zurückhaltend. Darüber wurde der Universitätschor mit subtiler Stimmkultur hörbar. Mit zeitloser Anmut gab er den mal kanonartigen, mal archaisch psalmodierenden Linien Kontur. (...)
Karsten Blüthgen

Neue Chorzeit, Ausgabe Januar 2010

 

Universitätschor überbringt die Frohe Botschaft

Weihnachten ist ein Fest der Tradition. Und an der kommt auch David Timm, Leipzigs Universitätsmusikdirektor, nicht vorbei: Zum Fest gehört eben das einschlägige Oratorium Johann Sebastian Bachs, und in der Peterskirche standen am Dienstagabend die Kantaten vier bis sechs auf dem akademischen Spielplan.
Dieses Weihnachtsoratorium ist der letzte Auftritt und zugleich krönender Abschluss eines ereignisreichen Jahres: Im Rahmen der Feierlichkeiten zum 600. Geburtstag der Universität gab es in den vergangenen Monaten zahlreiche Konzerte. Allein im Dezember standen die rund 100 Sänger und Sängerinnen sechsmal auf der Bühne - und das mitten im Semester.
Gemeinsam mit dem Pauliner Barockensemble und vier erfahrenen Solisten gestalten Timm und sein Chor einen besinnlichen Abend kurz vor dem Fest. Schon der Eingangschoral des Unichors gerät vielversprechend: Alt, Tenor und Bass stehen dem überaus starken, glockenklaren Sopran in nichts nach, und Timm versteht es, mit seinem federnden, elastischen Dirigat auch das Publikum zu elektrisieren. Die britische Sopranistin Bethany Seymour trägt ihre Arien mit leicht und mädchenhaft geführter Stimme vor und wird in der vierten Kantate von einem wunderbar klangschönen Echo aus dem Chor unterstützt. Altistin Klaudia Zeiner, Mitglied des MDR-Rundfunkchores, hat in der zweiten Hälfte des Weihnachtsoratoriums wenig zu tun. In ihren Rezitativen aber kann sie mit warmem und vollem Timbre brillieren, auch wenn sie vielleicht eine Spur zu stark vibriert. Tenor Tobias Hunger besticht mit frischen, klaren Tönen und gestaltet seine Evangelisten-Rezitative mit vorbildlicher Artikulation. Bisweilen allerdings klingt seine Höhe etwas gepresst. Einzig Bassist Wolf Matthias Friedrich vergeudet seine kraftvolle Stimme an opernhafte Gestik und Mimik, statt sich auf die Schönheit von Bachs Linien und die Klarheit der Texte zu konzentrieren - was das Publikum mit eher verhaltenem Applaus erwidert.
Die Sympathien gelten zu Recht dem Chor und David Timm, die es an einem kalten Abend in der Bach-Stadt Leipzig schaffen, ein wenig Wärme in die Herzen der Zuschauer zu musizieren.
Theresa Rentsch

LVZ vom 17.12.2009

 

Auftrag zur Tradition

Aus der Traum: Das Paulinum, die Aula/Universitätskirche St. Pauli der Uni Leipzig, ist bekanntlich immer noch eine Baustelle, und die geplanten VIII. Universitätsmusiktage wurden
abgesagt. Immerhin konnten zwei Konzerte gerettet werden: Die gab es am Dienstag im Rohbau auf dem Campus.
Das Festkonzert am frühen Abend wiederholt mit Bernd Frankes "Memoriam - Tempo e tempi" und Felix Mendelssohn Bartholdys "Lobgesang" das musikalische Programm des Festaktes vom Vormittag. Eine Auftragskomposition der Uni zu ihrem 600-jährigen Bestehen ist Frankes dreiteilig angelegtes Werk für Chor und Orchester auf Texte von Hans-Ulrich Treichel und William Shakespeare. Einen besonderen Bezug zur Alma Mater Lipsiensis erhält es, weil Treichel das Gedicht "Immerdar" extra dafür schrieb. "Alles hat seine Zeit" deklamiert denn auch der Universitätschor und fokussiert damit das ewige Thema vom Werden und Vergehen. Und doch ist Frankes Komposition so viel mehr, so komplex mit seiner Fragestellung nach Zeit und Tempo, nach fern und nah, so spannend mit flirrenden Bläsern und Streichern, dem die Bühne flankierenden Bratscher und Geiger, dem drängenden Akzelerando des Orchesters zum schwärmerischen Hamlet-Fragment des Chores und damit so nachhaltig beeindruckend. Erst recht mit dem fabelhaften Universitätschor und dem brillianten Mendelssohnorchester Leipzig unter dem sorgsamen Schlag von David Timm.
Bei Mendelssohns Sinfonie-Kantate verstärkt der Opernchor Leipzig die Uni-Choristen, stimmen die Sopranistinnen Julia Kirchner und Katrin Starick sowie Tenor Martin Petzold in den herrlich romantischen "Lobgesang" ein, erntet die opulente Klangpracht hier wie zuvor Frankes Neuling Bravo-Rufe und begeisterten Beifall aus den voll besetzten Stuhlreihen.
Solchen Applaus gibt es auch drei Stunden später, nach dem nächtlichen Jazzkonzert an gleicher Stelle. Jetzt hat Universitätsmusikdirektor Timm das Dirigentenpult gegen einen Sitzplatz am Flügel eingetauscht und zelebriert mit der LeipzigBigBand, dem Pauliner Kammerorchester und dem Vokalensemble tonalrausch Barockmusik von Bach und Händel sowie Jazz beziehungsweise das, was herauskommt, wenn geniale Musiker beides miteinander verweben. Großartig!
Birgit Hendrich

LVZ vom 4.12.2009

 

Verdis Requiem: Pompöse Herrlichkeit

Darf man in einer Kirche applaudieren? Diese Frage muss am Ewigkeitssonntag in der Thomaskirche eigentlich gar nicht gestellt werden. Denn es ist ein ganz besonderes Konzert, "einer der musikalischen Höhepunkte im Jubiläumsjahr zum 600-jährigen Bestehen der Leipziger Universität", wie Rektor Franz Häuser in seiner Ansprache betont. In dem der Coro de la Universidad de Sevilla die beiden vorangegangenen Besuche des Leipziger Universitätschores in Spanien erwidert und nun mit diesem gemeinsam auf den Chorpodesten der Orgelempore steht. Und schließlich hat Giuseppe Verdi seine Messa da Requiem nicht für den liturgischen Gebrauch, sondern für konzertante Aufführungen komponiert.
Verdis Requiem ist schon etwas Besonderes unter den Totenmessen. Gern wird er zitiert, der ironische Spruch von "Verdis bester Oper", trifft hier doch seine klanggewaltige Tonsprache auf lateinischen Messtext. Am Sonntag geht Universitätsdirektor David Timm mit den Universitäts-Chören aus Leipzig und Sevilla, dem Mendelssohn-Orchester Leipzig und Vokalsolisten mit dieser opulenten Partitur-Vorlage zum akustisch-sensuellen Frontalangriff auf das Publikum in der voll besetzten Thomaskirche über.
In den folgenden eineinhalb Stunden stimmt alles. Weil der vereinte Unichor über hinreichend Stimmgewalt verfügt, um im "Dies irae" die Ankündigung vom Tag des Zorns in die Brustkörbe der Zuhörer zu hämmern, nachdem er im Introitus leise seufzend nach der Bitte um die ewige Ruhe getastet hat, der junge Chorklang später mit der Unschuld eines Kinderchores betet, schlanke A-Cappella-Linien zieht, um gleich darauf schwelgend auszubrechen. Weil das Mendelssohn-Orchester so herrlich mitzieht mit fragendem Fagott, wiegenden Celli, zwitschernder Flöte, zarten Blechbläserfanfaren, flirrenden, schraffierenden Streichern und mit pompöser Herrlichkeit.
Weil Svetlana Katchours Sopran so innig zart wie schmelzend sein kann. Und Astrid von Feders Alt die Mezzosopranpartie mit sinnlichem Timbre so anrührend ausfüllt, Vincent Schirrmachers Tenor weich glänzt und Tuomas Pursios profunder Bass begehrlich fleht und verkündet.
Minutenlange, andächtige Stille nach dem letzten Ton. Ehrfürchtiger, dankbarer Beifall danach. Weil die Botschaft sich so unmittelbar mitgeteilt hat, dass das Publikum erst zum Jetzt und Hier zurückfinden muss. Der Eindruck klingt nach, beim Nachhausegehen, am Morgen danach, noch jetzt.
Birgit Hendrich

LVZ vom 24. November 2009

 

Fantastische Festmusiken

Konzert zum Bachfest

Tradition. Das bedeutet in Leipzig vor allem: Bach. Aber die Uni feiert in diesem Jahr ihren 600. Geburtstag. Klar, dass der Universitätschor mit den Akademischen Festmusiken in der Michaeliskirche groß auffährt. Zu Bachs Marche BWV 207a stolzieren die Sängerinnen und Sänger in den Altarraum. Der ungebremste Elan des Pauliner Barockensembles lässt dessen Spiel trotz der Chormassen nicht untergehen. Und schon nach dem ersten Stück dürfen sich David TImm und sein Orchester über großzügigen Applaus freuen. Die Kirche ist gut gefüllt, die Zuschauer hören konzentriert zu, viele summen während des Beifalls die Melodien nach.

Etwa nach "Vereinigte ZWietracht der wechselnden Saiten" BWV 207. Martin Petzold (Tenor) hat keine Probleme, die Kirche mit seiner klaren Stimme zu füllen, jede Koloratur schmückt er raffiniert aus. Auch Altistin Susanne Krumbiegel überzeugt mit warmem, unangestrengtem Ton. Energiereich und sauber artikuliert schmettert der Chor "Kortte lebe! Kortte blühe!" - Anlass für Bachs Werk war der Amtsantritt von Professor Gottlieb Kortte 1726. Die Kantate "Was mir behagt, ist nur die muntre Jagd" gilt August III von Polen, auch hier billiert das gesamte Ensemble. Wolf-Matthias Friedrich (Bass) bringt Opern-Gesten, Sara Jäggi gestaltet die Diana fein geschliffen, Anastasiya Peretyahina setzt mit ihrem dramatischen Ton einen spannenden Kontrapunkt. Verdiente Bravo-Rufe, stehende Ovationen.
Maren Winterfeld


LVZ vom 16.06.2009

 

 

Johannespassion

Zerbrechliche Welt voller Passion

 

Dieser Anfang ist ein Wunder. Was haben die Deuter nicht alles aus den ersten 18 Takten von Bachs Johannespassion herausgelesen. Klang gewordene lutherische Kreuzes-Theologie sei das Notenbild, Symbol der Dreieinigkeit die Töne. Alles richtig – aber in erster Linie ist es zunächst Musik, die aus dem Inneren kommt, ehe der Chor mit seinem dreifachen „Herr“, das keine Passionsklage sein will, das Tor zu einem knapp zweistündigen atemberaubenden Ereignis aufstößt.
Was bei den gefühlten zwei Dutzend Aufführungen des Werkes in und um Leipzig schnell zur Routine wird, erhält durch die Hände von Universitätsmusikdirektor David Timm, der am Dienstag in der gut besuchten Peterskirche seine zweite hiesige Johannespassion dirigiert, existenzielle Bedeutung. Indem er seine Sicht auf die Passion in eben jene 18 Takte legt und hinfort seine gesamte Interpretation aus diesem Anfang ableitet.
Der ist zunächst einmal deutlich langsamer als üblich - möglicherweise auch ein Tribut an die diffizile Akustik des Gotteshauses, die Timm so selbst in den brodelnden Massenchören stets im Griff hat. Doch es ist nicht das Tempo, mit dem er dieser Passion seinen Stempel aufdrückt. Es ist die leise und hinter die Fassade schauende Grundhaltung, die sich aus diesem Anfang schält: Fast unmerklich säuseln die Streicher ihre Sechszehntel, himmlisch-zart setzen Flöten und Oboen ihre reibenden Motive darüber. Das ist kein mit dem Holzhammer gefestigtes Dogma mehr, vielmehr führt Timm eine schwebende, überaus zerbrechliche Welt vor, die in den verinnerlichten Chorälen ihre Entsprechung findet.
Natürlich kommt dies dem gut einstudierten Universitätschor entgegen. Denn gerade in den unteren Lautstärkenbereichen können die Studenten immer wieder beeindrucken: Ein derart zartes Piano, wie es im Mittelteil des Eingangschores oder auch im Doppelchoral „Wer hat dich so geschlagen“ vorgeführt wird, ist nämlich auch in Leipzig nicht alle Tage zu hören.
Zwiespältig allerdings, wie sich das Solisten-Quintett dieser Interpretation nähert. Tobias Berndt ist ein klangschöner Christus, allerdings hat er mit Höhenproblemen zu kämpfen. Da wiederum ist Arienbass Marek Rzepka durchweg sicher, jedoch mischt sich sein kehliges Timbre an diesem Abend nicht mit dem Stimmen der Kollegen. Martin Petzold wiederum passt sich als Evangelist erstaunlich gut Timms untheatralischer Lesart an.
Die wahre Überraschung aber sind die beiden jüngsten Solisten: David Erler ist mittlerweile ein Altus, der sich mit den Großen seines Faches messen kann – bei seinem verinnerlichten „Es ist vollbracht“ steht die Zeit still. Und Marie Friederike Schröder hält als das, was sie mit dem Gewinn des Bachwettbewerbs im vergangenen Jahr versprach: Die Wandlungsfähigkeit ihres Koloratursoprans vom strahlkräftigen „Von den Stricken“ bis zum innig-zarten „Zerfließe“ ist schlichtweg atemberaubend.
Hagen Kunze

 

LVZ vom 09.04.2009
 

 

Grandioses Paulusoratorium

Grundton D

Wie wurde der Christenverfolger Saulus eigentlich zum Missionar des neuen Glaubens namens Paulus? Und was geschah auf seinen Reisen? Diese beiden Fragen wurden am Samstagabend in der ausverkauften Thomaskirche beantwortet.

Unter der Leitung von Universitätsmusikdirektor David Timm brachten der Leipziger Universitätschor und das Mendelssohnorchester zum Auftakt der Benefizreihe "Grundton D" das Oratorium "Paulus" zur Aufführung. Das 1837 in der später gesprengten Paulinerkirche uraufgeführte Werk wurde von allen Beteiligten grandios umgesetzt. Der Chor zeichnete sich durch einen wunderschönen Klang, reine Intonation und genaue Artikulation aus. Zusammen mit dem Orchester bildete der Universitätschor eine in sich stimmige Symbiose.

Darüber schwebten die Stimmen der vier Gesangssolisten. Viktorija Kaminskaite (Sopran), Annette Markert (Alt), Christoph Genz (Tenor) und Tuomas Pursio (Bass) setzten ihre jeweiligen Partien souverän und wunderschön um. Herauszuheben ist die glockenklare Sopranstimme von Kaminskaite. Am Ende standen tosender Beifall und Jubelrufe für alle Beteiligten. Ein großartiges Werk großartig aufgeführt.

Laura Landmann

 

LVZ vom 09.02.2009

 

 

 

h-Moll-Messe 

Erstklassige universitäre h-Moll-Messe

Am Ewigkeitssonntag wird in der evangelischen Kirche traditionell der Verstorbenen gedacht - ein ruhiger, besinnlicher Feiertag soll er sein. Das tut gut, eine Woche vor dem ersten Advent. Während viele also vermutlich schon aufs alljährliche Christmas-Gedudel aus allen Kanälen warten, erklingt mit der h-Moll-Messe BWV 232 in der Leipziger Thomaskirche eines der bedeutendsten Werke von Johann Sebastian Bach.

Der Leipziger Universitätschor unter der Leitung von David Timm kann sich über eine extrem gut gefüllte Kirche freuen, darin auch viele junge Leute, die gespannt sind auf die Leistung ihrer Kommilitonen.

Das Pauliner Barockensemble und der Unichor zeigen von Anfang an, dass sie der gewaltigen Herausforderung der übermächtigen h-Moll-Messe gewachsen sind. Dabei stört anfangs nur die übertriebene Artikulation des Chores, der es, wohl wissend um die nicht unproblematische Akustik der Thomaskirche, etwas zu gut meint mit dem harten Kyrie-K. Doch die Ausgeglichenheit der Stimmen, der saubere, kräftige, aber nicht übermächtige Sopran treiben den Fluss der Musik wunderbar voran.

Dagegen müssen die Solisten sich wohl erst ein wenig warm singen – was im Angesicht fröstelnder Zuschauer in der kalten Thomaskirche nicht unverständlich ist. Im Christe eleison sind die Sopranistinnen Gesine Adler und Anastasiya Peretyahina anfangs noch ein wenig zögerlich, meistern aber dennoch die Koloraturen. Was wirklich in ihnen steckt, zeigen sie jedoch erst später. Adler kann ihre zarte, angenehme und dennoch gewaltige Stimme vor allem im Duett mit Tenor Sebastian Reim zeigen, der seinen Part ebenso souverän meistert.

Das Ensemble, das auf historischen Instrumenten spielt, und der Chor schaffen es, dass das Publikum trotz Kälte und erheblichen Länge des Werks andächtig zuhört. Man sieht geschlossene Augen und rhythmische Kopfbewegungen. Den Musikern merkt man die Freude an der Arbeit ebenso an. Gotthold Schwarz hat als Bass naturgemäß am meisten mit der Akustik zu kämpfen, so dass man wirklich aufmerksam sein muss. Was sich lohnt, denn besonders in Et in Spiritum Sanctum Dominum zeigt seine Stimme sich äußerst geschmeidig und markant.

Altistin Susanne Krumbiegel hat die schwierige Aufgabe, mit dem Agnus Die das letzte Solostück zwischen dem feierlichen Osanna des Chores und dem besinnlichen Dona nobis pacem zu singen. Mit einem wunderbar natürlichen, runden Klang wird sie der anspruchsvollen Partie gerecht. Kaum einer traut sich, die andächtige Stimmung mit Applaus zu durchbrechen. Dann werden die Musiker aber doch noch verdientermaßen enthusiastisch beklatscht.

Maren Winterfeld

 

LVZ vom 25.11.2008

 

 

 

Pauliner-Gedenkkonzert 

 

Große Musik wider das Vergessen

 

Die Bänke in der Thomaskirche reichen am Freitagabend nicht aus. Etliche Besucher des Gedenkkonzertes zum 40. Jahrestag der Sprengung der Universitätskirche St. Pauli müssen mit Stehplätzen vorlieb nehmen. Und wollen dies auch, denn der Willkürakt der Zerstörung der Paulinerkirche am 30. Mai 1968 ist auch heute nicht vergessen. Das untermauern nach der Begrüßung durch Pfarrer Christian Wolff die Ansprachen von Universitätsrektor Franz Häuser, Oberbürgermeister Burkhard Jung, Sachsens Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, Eva-Maria Stange, und Wolfgang Tiefensee, der als Zeitzeuge spricht.

Auch die Musik erklingt an diesem Abend wider das Vergessen. Universitätsmusikdirektor David Timm hat ein berührendes Programm zusammen gestellt und sich mit dem Schauspieler Andreas Schmidt-Schaller, dem Mendelssohnorchester Leipzig und seinem Universitätschor hervorragende Verkünder dieser Botschaft gewählt.

Johann Sebastian Bachs Motette „Der Geist hilft unser Schwachheit auf“ BWV 226 wurde 1729 in der Paulinerkirche uraufgeführt. Am Freitag klingt diese Motette voll leiser Demut, mit duftig-leichten Sopranen und einem homogenen Unichorklang in einer reizvollen Mischung zwischen Jugend und Reife.

Volker Bräutigams „Epitaph“, das als Auftragswerk seine Uraufführung erlebt, ist eine Maßanfertigung für dieses Gedenkkonzert, denn Bräutigam versteht es, in 20 Minuten auf beeindruckende Weise in den sechs Teilen seines Werkes die Historie des Gotteshauses, den Frevel und alle Zwiespälte zu thematisieren. Schallers profunde Stimme zitiert aus Luthers Predigt zur Kirchenweihe 1545, der Chor gibt in abgehacktem Sprechgesang den Beschluss des damaligen Uni-Senats wieder, der „Trauermarsch“ fokussiert die Gegenrede des Dekans der Theologischen Fakultät zum Abrissbeschluss. Dazwischen immer wieder eine verstörende Orgel, aufwühlendes Blech. In „Prophetica“  breiten die Choristen einen dicht gewebten Klangteppich für den Sprecher aus, bevor der Schlusschoral Grund zum Optimismus mit.

Schließlich Dmitri Schostakowitschs zehnte Sinfonie e-Moll. Nach Stalins Tod entstanden, porträtiert sie im zweiten Satz den Diktator und gibt gleichzeitig eine emotional packende Bestandsaufnahme der Situation des Komponisten und des Landes in dieser Umbruchsstimmung – und ist auch am Freitagabend in der Thomaskirche aktuell und bedeutungsträchtig. Das Mendelssohn-Orchester entlädt alle inhärente Dramatik von der Orgelempore aus in das Kirchenrund. So kann sich das ohnehin schon sensibilisierte Publikum der Emotionalität nicht entziehen, prasseln schrille Streicher- und Flötenschreie und verkündigendes Blech unbarmherzig auf das Kirchenschiff hernieder, versöhnen der Gesang der Klarinette, die warm vibrierende Flöte und flächig schraffierende Streicher eines Mendelssohn-Orchesters in Bestform.

Dementsprechend fällt die Reaktion des Publikums nach zweieinhalb Stunden Gefühlsmarathon aus: begeisterter, nicht enden wollender Applaus.

Birgit Hendrich

 LVZ vom 02.06.2008

 

Weihnachtsoratorium

Glanzvolle Überbringung der Botschaft

Die Kleinen haben es mit Freude registriert: Für den Adventskalender war bereits Bergfest, Heiligabend rückt näher. Und auch in Leipzigs Kulturkalender mehren sich die Veranstaltungen mit adventlichen Programmen. Eine davon war die Aufführung der ersten drei Kantaten von Bachs Weihnachtsoratorium mit dem Leipziger Universitätschor und dem Pauliner Barockorchester unter David Timm am Dienstagabend in der ausverkauften Peterskirche.
Schon der Eingangschor gelingt prächtig. Der Unichor präsentiert sich mit strahlend-jugendlichem Sopran, der Tenor glänzt, ohne zu stemmen, Alt und Bass steuern warme Unterstimmen bei. All das vereint sich zu einem ausgeglichenen Chorklang. Die hervorragende Textverständlichkeit und die einfühlsame Gestaltung in Dynamik und Artikulation zeugen von intensiver Probenarbeit und belegen den hohen Rang der studentischen Sänger unter Leipzigs Laienchören.
Das Pauliner Barockorchester musiziert auf historischen Instrumenten. Achtsam parieren die Musiker Timms eleganten Schlag. Trompeten glänzen in goldigem Samt. Feine Klänge von Flöte, Oboe d'amore, Oboe da caccia und Fagott tupfen Balsam auf vom Großstadtlärm geschundene Ohren.
So

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